Rubrik ‘Wirtschaft’

Was Medien aus dem Thema “Runterschalten” machen

02. Okt 2013

„Weniger ist mehr“ hieß gestern der Themenabend bei ARTE .

Es ging um das alte Wirtschaftsdogma vom ständigen Wachstum, und darum, wie verschiedene Kollektive in Europa es aktiv in Frage stellen. Runterschalten gesellschaftlich, gewissermaßen. Die Beiträge waren durchweg sehenswert und aufschlussreich. Gleichwohl hatten sie für mich als Coach, der Menschen unter anderem beim individuellen Runterschalten begleitet, das altbekannte Geschmäckle: Hier wird wieder das Klischee „Vom Manager zum Viehhirten“  bedient.

Schauen Sie sich allein das Foto zu dem Begleitartikel unter dem o.g. link an: Sie sehen eine Bretterbude mit Namensschild, dahinter eine kleine Butze mit Entlüftung, vermutlich ein Klohäuschen. Mal unter uns gesprochen: Wollen Sie so hausen?  – Ich auch nicht.

Mehr noch, auf mich – und auf viele andere – wirkt das abschreckend. Dabei gibt es viele Beispiele von Menschen, die das „weniger ist mehr“ praktizieren, ohne gleich in Sack und Asche zu leben. Nur ist das natürlich nicht so „medienwirksam“. Schade. Manchmal wäre differenzierter auch mehr.

Arbeit als Religion, filmisch betrachtet

15. Mai 2013

 

Die Annahme, Arbeit sei zur Religion unsrer Zeit geworden, ist nicht eben neu. Schon Max Weber sagte das. In der westlichen Welt gelte Arbeit , so schreibt er, als von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens überhaupt. Wertlos und geradezu verwerflich sei aus diesem Blickwinkel der Müßiggang – „wer rastet, der rostet“, lautet die sprichwörtliche Entsprechung.

Dass dieser moderne Glaube teilweise absurde Züge trägt, wird neuerdings auch gern von Filmemachern thematisiert. Wir erinnern uns an Carmen Losmanns genialen Dokumentarfilm „work hard play hard, in dem die unkommentierte Beobachtung echter Arbeitszenen genügt, damit einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Seit 2. Mai ist nun „Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Konstantin Faigle in den Kinos. Auch seine filmische Aufbereitung wird  echte Jünger wohl kaum dazu bringen, vom Glauben abzufallen…

Achtzig Prozent arbeiten, als Mann, geht nicht? Geht doch!

28. Mrz 2013

 

Neulich rief ein ehemaliger Klient an. Ein drahtiger Mann besten Alters mit anspruchsvollem Job im Finanzsektor.  Sein Anliegen: Veränderung in Richtung Wohnort. Nicht nur die Arbeit, auch das stete Pendeln von zuhaus  nach Frankfurt nagten an den Reserven.

Nach und nach veränderte er vieles in seinem Leben, auch privat.  Er ging aktiv auf potentielle neue Arbeitgeber zu, auch wenn ihm das Initiativ-Bewerben zunächst nicht ganz koscher vorkam. Er bewarb sich – obwohl die letzten Vorstellungsgespräche „schon ein paar Jährchen her“ waren. Der Mann machte das, was man im Coaching „ die Comfortzone ausdehnen“ nennt: Er betrat Neuland, probierte aus, knüpfte neue Kontakte.

Zugegeben, den neuen Job in seiner Region hat er noch nicht, die Branche dümpelt momentan. Aber seine Stimme am Telefon klang gelöst und lebendig: Er hat nämlich eine für sich passende Zwischenlösung gefunden.  Er arbeitet jetzt nur noch 80 Prozent, jederzeit wieder „aufstockbar“, denn er wird geschätzt im Unternehmen.  Das durchzuboxen, war nicht leicht. Aber mit dem Zusatztag kann er viel anfangen – er will sich ja auch nach wie vor weiter bewerben.

Ich habe ihm gratuliert zu seiner Wendigkeit und Ausdauer. Er gehört nicht zu denen, die sagen, „das geht nicht.“

 Mehr zu dem Thema Männer und Downshifting finden Sie – ausser in meinen Büchern “Runterschalten” und “Downshifting” - im aktuellen SPIEGEL  WISSEN Magazin (Nr. 1 / 2013) mit dem Titel “Einfach leben” .

Was passiert, wenn die Wirtschaft runterschaltet?

20. Sep 2011

 

Die Anzeichen mehren sich: Eine neue Rezession ist in Sicht. Unsere stark exportorientierte Wirtschaft wird runterschalten. Ein System muss Tempo drosseln, und die Freude darüber hält sich in Grenzen – denn nach dem Dafürhalten der System-Repräsentanten ist stetes Wachstum nötig.

Der Frage, ob das ständige Wachstum wirklich für uns Erdenbürger wünschenswert ist, widmet sich ein lesenswerter Artikel von Wolfgang Uchatius  aus dem Jahr 2009. Ganz klar ist er in Bezug auf die Bedürfnisse des Einzelnen:

Selbst wenn sich die Durchschnitts-Meyers all diese Dinge kaufen könnten, wären sie nicht zufriedener als zuvor. Diese Vermutung ist aus Dutzenden von Studien der sogenannten Glücksforschung so gut abgesichert, dass sie schon eine Gewissheit ist. In diesen Untersuchungen haben Wissenschaftler die Zufriedenheit von Menschen gemessen und sie in Bezug zum Wirtschaftswachstum gesetzt. Sie kamen zum Ergebnis: Wachstum macht tatsächlich glücklich, aber nur, wenn man sehr wenig besitzt, wenn es um die ersten großen Sprünge geht. Auto statt Fahrrad, Wohnung statt WG-Zimmer, Waschmaschine statt Waschsalon. Ab einem gewissen Niveau hebt das Wirtschaftswachstum die Zufriedenheit nicht mehr.

Soweit, so gut  – wenn Sie mein Buch „Runterschalten!“ kennen, werden Ihnen solche Erkenntnisse nicht neu sein.  Was aber, wenn  die Wirtschaft runterschaltet? Ist das (mal wieder!) das Ende unseres irdischen Glücks?

Im besagten Artikel blitzen Begriffe wie „glückliche Stagnation“  und „Nachhaltigkeit“ auf,  weniger bekannte Wirtschaftskonzepte ohne „eingebauten“ Zuwachs werden vorgestellt. Nur weil wir diese Ideen noch nicht kennen, müssen sie ja nicht unpraktikabel sein, folgert der Autor mit Hinweis auf den von Leonardo vor 400 Jahren erfundenen und erst im letzten Jahrhundert gebauten Hubschrauber.

Recht hat er. Ob wir nun als Gesellschaft oder als Einzelner runterschalten, wir sollten „lateral“ denken (lernen), für neue Ideen offen sein. Dass wir  wieder 400 Jahre Zeit dafür haben, bezweifle ich allerdings….